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Nacktmeerschweinchen

Anbei ein toller und informativer Text von Elisabeth von Die Guccis über sogenannte Skinny Pigs – Nacktmeerschweinchen. Elisabeth räumt nicht nur mit den gängigsten Vorurteilen auf, sondern recherchierte für ihren Text auch bei Behörden in der Schweiz und in Österreich.

Ich selbst bin kein Fan von Skinnys, aber ich mag auch keine langhaarigen Meerschweinchen. Persönliche Präferenzen sind kein Grund, Halter*innen oder Züchter*innen anzugehen und dabei auch noch falsche Behauptungen in die Welt zu streuen. Daher teile ich diesen Text.

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Wohl kaum eine Meerschweinchenrasse hat mit so vielen Vorurteilen und Falschinformationen zu kämpfen wie Skinny Pigs. Als Halter dieser bezaubernden Meerschweinchen sieht man sich aus diesem Grund oft Anfeindungen und Vorwürfen ausgesetzt von Menschen, die selbst noch nie Skinnys live erlebt haben.

Mit den gängigsten Falschinformationen möchte ich an dieser Stelle aufräumen:

1. „Skinnys sind eine Qualzucht.“

Als Qualzucht bezeichnet man laut Definition des deutschen Tierschutzgesetzes: “… bei der Züchtung von Tieren die Förderung oder Duldung von Merkmalen, die mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder Verhaltensstörungen für die Tiere verbunden sind“.

Auf Skinnys trifft nichts davon zu. Sie haben keine Schmerzen, Leiden oder Schäden, da ihr Körperbau, die Funktionsfähigkeit ihres Immunsystems, ihre Lebenserwartung und ihre Fähigkeit zur Orientierung und Art internen Kommunikation sich nicht von Meerschweinchen mit Fell unterscheiden.

Auch Verhaltensstörungen weisen Skinnys nicht auf: Ein Skinny Pig kann problemlos in einer Gruppe behaarter Schweinchen leben, sich verständigen und behaupten. Das beste Beispiel war meine Stella, die als einziges Skinny, obwohl körperlich die Kleinste, das ranghöchste Weibchen in einer 11-köpfigen Meerschweinchen-Gruppe war.

2. “Die Haltung und Zucht von Skinnys ist in der Schweiz und in Österreich verboten.“

Den Wahrheitsgehalt dieses Gerüchtes zu überprüfen, hat mich einige Stunden Recherche und viele Telefonate gekostet und führte mich bis ins österreichische Landwirtschaftsministerium.

In der Schweiz erhielt ich schnell Auskunft: Eine Nachfrage auf dem Veterinäramt des Kantons Zürich ergab, dass das Schweizer Tierschutzgesetz keinen Paragraphen enthält, der ein Verbot der Haltung oder Zucht von Skinny Pig rechtfertigen würde. Wie das deutsche Tierschutzgesetz verbietet auch das der Schweiz lediglich die Zucht von Körpermerkmalen, die mit Leiden, Schmerzen und sonstigen Einschränkungen verbunden sind. Wie viel oder wenig Fell ein Tier haben darf, ist nicht definiert. Der Amtsveterinär am Telefon berichtete von einem konkreten Fall einer Züchterin von Sphynx-Katzen, die einen ihrer Kater lediglich auf Grund fehlender Tasthaare aus der Zucht nehmen musste. Skinnys besitzen aber Tasthaare!

Das österreichische Tierschutzgesetz enthält einen Paragraphen, der explizit die Haarlosigkeit als Merkmal einer Qualzucht nennt. Da Skinnys aber eben nicht haarlos sind, sondern Restbehaarung vor allem an Kopf und Füßen, Tasthaare und sämtliche Haaranlagen besitzen, war es sehr spannend zu erfahren, ob sie nun unter das Zucht- und Haltungsverbot fallen oder nicht. Das Problem war, dass mir diese Frage scheinbar niemand beantworten konnte. Ich wurde von einem Veterinäramt zum nächsten weitergeschickt und erhielt widersprüchliche Antworten von „Ja, verboten“ über „Was bitte ist ein Skinny Pig?“ und „Keine Ahnung“ bis zu „Ja, erlaubt“. Das Problem: Da Skinnys eine eher seltene Rasse und in Österreich weitgehend unbekannt sind, musste noch nie von Amts wegen über die Erlaubnis oder das Verbot ihrer Zucht oder Haltung entschieden werden. Es fehlt daher ein Präzedenzfall, auf den sich die Behörden beziehen können.

Auf dem Veterinäramt Linz konnte man mir zumindest verbindlich sagen, dass die Haltung von Skinnys in Österreich nicht verboten ist, da der Paragraph, in dem die Haarlosigkeit als Qualzuchtmerkmal erwähnt wird, lediglich die Zucht von haarlosen Tieren verbietet und nicht deren bloße Haltung.
Ich wurde weitergeleitet nach Wien. Auch dort konnte man meine Frage zur Zucht von Skinnys nicht beantworten. Man empfahl mir, mich ans Landwirtschaftsministerium zu wenden. Also schickte ich eine E-Mail dorthin mit meiner Frage und einem Foto meiner 4 Skinnys ohne große Hoffnung auf eine Antwort.

Mehr als 2 Wochen passierte nichts. Dann rief mich zu meiner Überraschung die Landwirtschaftsministerin persönlich an, um mir mitzuteilen, dass 1. meine Skinny Pigs umwerfend süße Tierchen seien (was ich bereits wusste😁) und 2. dass sie meiner Frage nachgegangen sei: Die Zucht von Skinnys ist in Österreich NICHT verboten, da mit Haarlosigkeit wirklich komplett haarlos gemeint ist, was Skinnys nicht sind. Wie viel oder wenig Fell ein Tier, das nicht haarlos ist, haben darf, legt das österreichische Tierschutzgesetz nicht fest.
Ein dickes Dankeschön von mir an Frau Ministerin Köstinger an dieser Stelle .

Das Gerücht, die Haltung oder Zucht von Skinnys sei in diversen Ländern verboten, beruht wohl auf einer Verwechslung mit Baldwins, einer Nacktrasse, die nichts mit Skinnys zu tun hat.
Baldwins werden mit Fell geboren, verlieren es aber samt Tasthaaren nach ein paar Tagen bis Wochen. Darüber hinaus besitzen sie kein funktionsfähiges Immunsystem, weshalb ihre Lebenserwartung nur wenige Monate beträgt. Diese Rasse wird – zurecht – in vielen Ländern als Qualzucht eingestuft. Auch in Deutschland ist die Zucht mit Baldwins verboten.

Skinnys dagegen haben, wie bereits erwähnt, ein normal entwickeltes Immunsystem, Tasthaare zur Orientierung, Restbehaarung vor allem auf der Nase und an den Füßen und eine für Meerschweinchen völlig normale durchschnittliche Lebenserwartung von 6-8 Jahren. Im Gegensatz zu Baldwins kommen sie bereits nackt zur Welt.

Oft wird in diesem Zusammenhang ein Abschnitt aus dem österreichischen Tierschutzgesetz zitiert, in dem Haarlosigkeit als Merkmal einer Qualzucht genannt wird.
Skinnys sind jedoch wegen Restbehaarung, vorhandenen Haaranlagen und Tasthaaren eben NICHT haarlos. Ihre Zucht und Haltung ist nirgendwo verboten. Auch nicht in der Schweiz oder Österreich.

3. „Skinnys frieren schnell oder bekommen Sonnenbrand und verletzen sich eher als Meerschweinchen mit Fell.“

Im Gegensatz zu dem anderer Tiere bietet das Fell von Meerschweinchen kaum Schutz gegen Wettereinflüsse. Sie besitzen, im Gegensatz zu Kaninchen zum Beispiel, keine dichte Unterwolle, die Nässe und Kälte fern hält. Auch einen jahreszeitlich bedingten Fellwechsel machen Meerschweinchen nicht durch.

Was es ihnen dennoch ermöglicht, in ihrer Heimat Peru sowohl im tropischen Tiefland als auch in eisigen Gebirgsregionen der Anden zu überleben, ist ihre extrem dicke Haut, unter der sich eine zusätzliche isolierende Fettschicht befindet. Bei Skinnys ist die Haut sogar noch dicker als bei ihren haarigen Artgenossen. Tierärzte, die schon einmal einem Skinny eine Spritze geben mussten, können ein Lied davon singen.

Dass Skinnys in unseren Breiten nicht dauerhaft draußen leben können, liegt nicht an den Skinnys, beziehungsweise dem minimalen Schutz vor Kälte, welchen das dünne Meerschweinchen-Fell bietet, sondern am deutschen Klima. In wärmeren Ländern wäre eine Außenhaltung durchaus möglich, wie unzählige im Irak und Syrien frei lebende Sphynx-Katzen beweisen.

Anders als es so oft heißt, brauchen Skinnys übrigens keine speziell beheizten Zimmer von 25 bis 26 Grad. Normale Zimmertemperatur um die 20 Grad, bei der wir Menschen uns – angezogen – wohl fühlen, reicht völlig aus.

Bedingt durch die extrem dicke Haut, verletzen sich Skinnys nicht eher als behaarte Schweinchen – schon gar nicht bei Kämpfen mit Artgenossen. Welchen Schutz soll denn bitte das dünne Meerschweinchenfell bieten vor Zähnen, die mühelos Holz durchbeißen? Man sieht bei Skinnys lediglich eher, wenn sie eine Verletzung haben. Dasselbe trifft auf Hauterkrankungen zu. Dies kann sogar von Vorteil für die Skinnys sein, da bei behaarten Meerschweinchen Wunden oft erst auffallen, wenn sie sich bereits entzündet haben.

Von einem Skinny mit Sonnenbrand habe ich übrigens trotz intensiver Recherche bei anderen Haltern und Züchtern noch nie gehört, obwohl die kleinen Nackten es lieben, in der Sonne zu liegen. Dies ist also definitiv kein verbreitetes Problem bei Skinnys.

4. „Skinnys sind eine vom Menschen geschaffene Mutation und damit unnatürlich.“

Der Mensch macht keine Mutationen, sondern die Natur. In jedem einzelnen von uns, sämtlichen Tieren und den meisten Pflanzen, stecken unzählige davon. Wäre dem nicht so, wären wir allesamt Klone unserer Eltern.

Der Mensch wählt lediglich aus, welche Mutationen ihm gefallen oder ihm nützlich sind und züchtet damit gezielt weiter. So entstanden sämtliche Haustierrassen vom Kanarienvogel bis zum Rennpferd.

5. „Skinnys könnten in der freien Natur nicht überleben.“

Stimmt, könnten sie nicht. Genauso wenig wie Peruaner, Rosetten, Teddys und Glatthaar-Meerschweinchen in bunten Farben.

Meerschweinchen, wie wir sie kennen, sind reine Haustiere.
Die mausgrauen Wildmeerschweinchen mit ihrem schlanken Körper, den langen, kräftigen Hinterbeinen und dem schmalen Kopf sehen eher wie Degus ohne Schwanz aus als wie unsere Hausmeerschweinchen. Viel Ähnlichkeit ist da nicht mehr vorhanden.

Ein Hausmeerschweinchen, egal welcher Rasse, wäre in der Wildnis völlig chancenlos. Wobei ein Skinny bei der Flucht vor einem Raubtier durch die Dornenhecke eher überleben würde als zum Beispiel ein Lunkarya.

6. „Skinnys haben einen viel schnelleren Stoffwechsel als Meerschweinchen mit Fell und darum einen erhöhten Energiebedarf. Sie müssen unentwegt fressen und haben darum gar keine Zeit, ihr Leben zu genießen.“

Es stimmt, dass der Stoffwechsel von Skinny etwas schneller ist als bei den meisten anderen Meerschweinchen. Das führe ich nach langjähriger Erfahrung mit Meerschweinchen mit und ohne Fell aber eher auf ihr Temperament zurück als auf die fehlende Behaarung: Skinnys sind extreme Energiebündel, die selten stillsitzen.

Das Mehr an Futter, das sie zu sich nehmen im Vergleich zu behaarten Meerschweinchen, ist überschaubar. Es ist auf keinen Fall so viel, dass es ihre Lebensqualität einschränkt und sie am Spielen, Toben und Spaß haben hindert. In einer Meerschweinchen-Gruppe sind es meist die Skinnys, die am meisten Blödsinn aushecken.

Zudem ist der Stoffwechsel im Allgemeinen von Tier zu Tier verschieden. Ich hatte schon Meerschweinchen mit Fell, die deutlich mehr fressen mussten als das durchschnittliche Skinny, um ihr Gewicht zu halten.

Ich kann wirklich nur jedem raten, sich vorurteilsfrei bei erfahrenen Züchtern und langjährigen Haltern über Skinnys zu informieren. Spätestens wenn man diese liebenswerten Nackedeis live erlebt, lösen sich die meisten Vorbehalte gegen die Rasse schnell in Luft auf.

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