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Meerschweinchen und Streicheln

Im Zuge einer Diskussion auf Twitter über die Nutzung von Meerschweinchen als Therapie-Tiere im Altersheim bin ich auf eine interessante Studie („The effect of human interaction on guinea pig behavior in animal-assisted therapy“, 2018) hingewiesen worden, die ich hier kurz und verständlich vorstellen möchte.

Kurz zusammengefasst

Schweizer Wissenschaftler*innen haben zusammen mit Tierhalter*innen untersucht, wie sich Meerschweinchen in der Tiertherapie verhalten und welche Faktoren sich auf ihren Stresslevel auswirken könnten. Die in der Studie beobachteten Meerschweinchen kommen aus einem Privathaushalt, kennen den Umgang mit dem Menschen und werden für die Tiertherapie regelmäßig eingesetzt. Für die Studie wurden fünf Weibchen insgesamt 50 mal beobachtet. Dafür wurden die Tiere drei Situationen ausgesetzt:

1. Therapie mit Rückzugsmöglichkeit
2. Therapie ohne Rückzugsmöglichkeit (auf dem Schoss)
3. Kontrollgruppe ohne Interaktion mit Menschen

Die Beobachtungen weisen darauf hin, dass die Meerschweinchen in der ersten Situation deutlich weniger Stress erleiden als in der zweiten und daher eine Therapie (und der Umgang mit Meerschweinchen generell!) ihnen immer eine Rückzugsmöglichkeit anbieten sollte.

Wann hat ein Meerschweinchen Stress?

Zahlreiche Studien zeigen, dass Meerschweinchen sich unter Stress zurückziehen, erstarren und viele natürliche Verhaltensweisen nicht mehr zeigen. Sie essen und erkunden weniger, zeigen weniger Sexualverhalten. Desweiteren neigen sie unter Stress dazu sich zu erschrecken, wild wegzurennen, bestimmte Laute von sich zu geben, sich zu verstecken, zu Kämpfen, Zähneklappern, Gitterknabbern oder „Barbering“, also dem Abnagen von Haaren:

Research showed that stress led to a reduction in comfort behavior, social behavior, explorative behavior, and an increased amount of freezing and withdrawal (Anthony et al., 1959). Stress also led to reduced eating, exploration, and sexual behaviors (Hennessy et al., 2004). Further stress-related behaviors were cataloged: vocalization, freezing, startling, and altered activity, such as hiding, stampeding behavior, fighting, teeth chattering, or stereotypical behaviors like bar biting or barbering (Brandão and Mayer, 2011, Brewer et al., 2014, Hennessy et al., 2004, King, 1956, Sachser and Lick, 1991).

Die Studie

In der Therapie mit Rückzugsmöglichkeit befanden sich die Meerschweinchen in einem ihnen vertrauten Gehege mit artgerechter Einrichtung auf einem Tisch. Der Patient saß vor dem Gehege. Ein am Gehege angebrachtes Brett ermöglichte es den Meerschweinchen, nah zum Patienten zu gehen und sich füttern zu lassen. In der Therapie ohne Rückzugsmöglichkeiten wurde ein Meerschweinchen auf eine Unterlage gelockt und mitsamt der Unterlage auf den Schoss des Patienten gesetzt. Das Team rund um die Wissenschaftler*innen und die Halter*innen beobachtete die Meerschweinchen und schloss aus ihrem Verhalten auf den Stresslevel:

„Without retreat possibility, guinea pigs showed a strong increase in freezing, not eating and vocalizing. Locomotion and resting decreased without retreat possibility.“

Ohne Rückzugsmöglichkeiten gaben die Meerschweinchen mehr Geräusche des Unmuts von sich, erstarrten öfters und aßen weniger. Sie bewegten sich weniger und zeigten weniger Ruheverhalten im Vergleich zu den Situationen, wo sie Rückzugsmöglichkeithatten. Einer der Gründe dafür kann sein, dass es ein natürliches Verhalten bei Meerschweinchen ist, Schutz zu suchen und sie unter Stress leiden, wenn sie das nicht können:

A main reason the guinea pigs experienced higher stress in the lap condition could be due to the limited retreat possibility. Seeking shelter is a natural behavior of guinea pigs. Ohl and van der Staay (2012) suggested that when this need cannot be met, stress results.

Die Meerschweinchen zeigten jedoch kein krankhaftes Stressverhalten wie gebückte Körperhaltung, Haare aufstellen oder Augen schließen (beachte hier, wie „Augen schließen“ von vielen Halter*innen fälschlicherweise als Wohlfühlmerkmal betrachtet wird):

We did not find so-called “stress-induced sickness behaviors” such as crouching, piloerection, or eye-closing (Hennessy et al., 2004), and there was no increase in fighting (socionegative behavior) in either therapy condition. Thus, we conclude that stress was not notably high under either condition.

Sogenanntes „Zwangskuscheln“ ist also keine Tierquälerei. Aber nichtsdestotrotz sollte man sich auch als Halter*in fragen, ob diese Art von Kontakt zwischen Mensch und Meerschweinchen, von dem das Meerschweinchen nicht profitiert und nur gestresst ist, im Sinne des respektvollen Umgangs ist.

Meerschweinchen und Mensch

Was Halter*innen sicher nicht neu sein dürfte, ist, dass Meerschweinchen durchaus freiwillig Zeit mit dem Menschen verbringen, wobei dies vor allem mit der Futtergabe zusammenhängt. Meerschweinchen zeigen selten sociopositives Verhalten, das auf den Menschen gerichtet ist:

There was a trend for a longer duration spent on the board part in the therapy setting with retreat possibility compared to the control setting, which may be in the context of being fed on the board part. This shows that guinea pigs spend time interacting with humans when they can choose freely but only to a certain degree. The guinea pigs very seldom displayed sociopositive behavior directed toward a human.

Generell sei zu sagen, dass Meerschweinchen auch untereinander sehr wenig sociopositives, nicht-sexuelles, Verhalten zeigen, Berührungen und Kuscheln sind bei (erwachsenen, gesunden) Meerschweinchen selten:

They rarely exhibit sociopositive, nonsexual interactions as adults within a group (Kunkel, 1964, Rood, 1972), which was confirmed in our observations. Therefore, it is not natural for guinea pigs to be stroked or touched. We highly recommend that guinea pigs are given the possibility to retreat whenever possible, so they can freely choose to interact with humans.

Aufmerksame Halter*innen können dies auch selbst beobachten. Das menschliche Streicheln ähnelt dem Auftreiten unter Meerschweinchen, was als aggressives/dominantes Verhalten eingestuft wird und ungewünscht ist.

Kontakt zum Menschen unterlassen?

Nein. Die Studie zeigte auch, dass der Kontakt mit Menschen eine Bereicherung (Enrichment) für die Meerschweinchen sein kann und sie mehr positive Verhaltensweisen (Erkundungen, Bewegung) zeigen, wenn sie Kontakt zum Menschen haben, auch wenn dieser Kontakt zunächst Stress verursachen kann:

Enrichment is designated as change in the frequency of behavior without occurrence of stress-associated behavior (Brewer et al., 2014). It is therefore closely linked to stress. Enrichment enables animals to express the full range of their species-typical behavioral patterns and includes environmental, social, and nutritional enrichment along with foraging (Hutchinson et al., 2005). Enrichment is an important component of animal welfare. […]

In this study, the guinea pigs showed more explorative behavior and more locomotion during therapy with retreat possibility when compared to the control setting. These behaviors are directly enrichment related (Brewer et al., 2014). Therefore, we conclude that even though AAT in the table cage may cause a small amount of stress, it primarily functions as enrichment for the guinea pigs.

FAZIT

Was schon viele Halter*innen wissen, bestätigt diese Studie also nochmal: Meerschweinchen haben gerne Kontakt zum Menschen, besonders wenn Futter involviert ist. Dieser Kontakt sollte aber immer auf Freiwilligkeit basieren und den Meerschweinchen immer Möglichkeiten zum Rückzug offen lassen. Kuscheln und Streicheln ist kein natürliches Verhalten unter (gesunden, erwachsenen) Meerschweinchen und sollte daher vom Menschen unterlassen werden.

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